Montag, 2. Oktober 2017

Das falsche Kleid 3 - Kinder und Jugendliche

Der Grund, warum ich zu nähen begann, war, dass, als mein Sohn die Kleidergröße 86 hinter sich ließ, die Modebranche ihn zu einem Krieger machte. Nein, zu einem Soldaten. Gestern Bärlis, Pinguine, Bagger und Lokomotive und dann plötzlich Camouflage, Skelette, Batman und schwarz.


Das entsprach meinem Sohn damals gar nicht. Aber etwas anderes zu finden war richtig mühsam. Denn alles, einfach alles, war .. Werbung!

1. Unser Kind, das Werbeplakat

Damals fiel mir das erste mal auf, dass Kinder benutzt werden um Werbung zu machen. Bei den Buben ist es Batman, Spiderman, die Avengers, Star Wars, Darth Vader .. all diese martialischen Heldenstories, die ich ja per se sehr mag, aber muss das wirklich überall drauf sein. Mütze, Socken, Unterwäsche. Am Shirt auf den Hosentaschen und auf den Schuhen ... überall.

Bei den Mädels war es Hello Kitty .. überall. Die japanische Katze hing an beinahe jedem Haken im Kindergarten. Der Rest war Lillifee oder Minni Maus.


Ich habe keine Mutter getroffen, die das nicht nervig fand und trotzdem haben alle dafür Geld ausgegeben. Nur wenige konnten sich alternative Labels für diese Phase im Leben ihrer Kinder leisten. Denn schließlich tragen sie zu diesem Zeitpunkt die Teile ja nur ein paar Monate. Also werden Kinder zu kleinen, entzückenden Werbeplakaten gemacht. Denkt da jemand drüber nach?

Was macht das eigentlich mit einem Kind? Warum wird Kleidung und auch die Kinder hier so missbraucht?
Antwort: kleine Kinder sind sehr süß! Alle schauen kleine Kinder gerne an! Alle haben für den größten Teil der Zeit positive Gefühle, wenn sie kleine Kinder ansehen ... positives Branding quasi. Einverständnis der Eltern inklusive.

2. Unser Kind, das Klischee!

Womit wir schon bei den Stereotypen sind, die die Kleiderbranche für unsere Kinder so parat hat. Von den Farben, die den Geschlechtern zugewiesen werden bis hin zu den hautengen Glitzerjeans für 4 jährige Mädchen. Die Modebranche ist weder emanzipiert noch praktisch. Mädchen sind "Drama Queens" lieben rosa und haben einen Hang zur dauernden Unterkühlung.
Während die Buben kämpfen, die Welt retten und "Masterminds" sind. Beide Sprüche habe ich im letzten Jahr auf Kinderhirts gelesen.


Diese Rollenbilder sind nicht mal mehr aus diesem Jahrtausend. Totally "last season"! Die Kreativität der Modebranche ist, was das angeht, eher nicht so innovativ!

Sollte eure Tochter demnach im Alter von 3 Jahren auf dunkelblau stehen, dann wünsche ich euch viel Spaß dabei. 

Aber so richtig schlimm wird es, wenn eure Tochter größer wird bzw. älter ... so ab 8 Jahren in etwa wird sie nämlich allmählich zu einer "Professionellen"...


3. Unsere Töchter, die H****

Es gab da einen Phase, da mochte meine Tochter Röcke. Weite Röcke. So zum Drehen! Ihr wisst, wovon ich rede.
Ein guter Drehrock geht knapp übers Knie, weil dann dreht sich's halt so richtig gut! Wir haben geschaut, wir haben gesucht und am Ende habe ich genäht, denn es gibt keine Röcke für Mädchen, die bis zum Knie reichen.

Ausnahmslos alles ist kurz .. um nicht zu sagen zu kurz. Winterröcke aus leichtem Tüll, die gerade mal über den Po reichen, dazu Oberteile, die knapp und knackig sitzen.



Ich hab' das mal probiert und ein Top in Größe 122 von den Mädels genommen und bin damit rüber zur Bubenabteilung gegangen um zu vergleichen, ob die 122 dort in etwa so groß ist. Ahnt ihr es? Es war eine 110!

Wieso ist das so? Warum um alles in der Welt sollen Mädchen so furchtbar knappes Zeug am Körper tragen?

Die Antwort ahnt jede Mutter, die kurz in sich hineinhört:
Unsere Töchter werden zu sexuelle OBJEKTEN gemacht!

Anmerkung: das so auszuschreiben schmerzt. Aber es ist offensichtlich!


Es gibt keine Individualität, keinen Charakter und auch keine Persönlichkeit. Weder für Buben noch für Mädchen. Die Modebranche ist einfallslos und unkreativ. Sie wird zumindest keinem Kind gerecht, das ich kenne.

4. Schlank, rank und wunderschön

Erst letzte Woche habe ich wieder gelesen davon: In circa 20 Jahren haben die westlichen Länder ein reales Problem im Gesundheitswesen, weil ein beträchtlicher Anteil der dann 30 Jährigen an Diabetes leiden wird. Zusätzlich zu den Kosten für die Erkrankung wird, kommt noch der Ausfall an Arbeitskraft, weil diese jungen Menschen, unverhältnismäßig früh im Leben, schon sehr häufig krank sein werden.
Diese Generation ist jetzt so um die 10 Jahre alt und viele von ihnen sind schlicht zu dick. Falsche Ernährung und zuwenig Bewegung, so hört man.
Das ist aber hier und heute nicht das Thema. Das Thema ist die Mode und in diesem Fall, die Härte mit der die Modebranche diese Kinder ignoriert.


Googelt mal "Mode für dicke Kinder" oder "Kindermode XL" oder was euch freundlicher getextet dazu einfällt. Was ihr finden werdet ist, dass ihr nichts findet. 

Es gibt keine Plakate oder Beiträge dazu. Es gibt zwar ein paar Anzeigen, diese führen dann aber ins Leere. ES GIBT NIRGENDWO BILDER VON DICKEN KINDERN, DIE GUT ANGEZOGEN SIND!
Aber wäre nicht genau das enorm wichtig!
Als Vorbild, als Bestätigung quasi,  dass, wenn schon nicht schlank, so doch zumindest gut angezogen.
Gerade Jugendliche, die sich in der Pubertät mühsam selber finden/suchen, sollten sich doch wenigstens ordentlich anziehen können. Das wär' doch eine modische Herausforderung für die Branche! Abseits von Leggins und Sweatpants.
Warum ist da nichts?

Nun ja, auch diese Antwort ist bitter:
Dicke Kinder sind - für die Modebranche - nicht wertvoll!
Sie werden weggeschwiegen.
Das ist ein aktives aus-der-Gesellschaft-ausschließen.
Dicke Kinder gibt es nicht! - das sagen alle Modehäuser, die mir einfallen!
Da ist ihnen sogar das Geld wurscht, dass sie damit verdienen könnten.



Gegenkonzepte gegen all diesen Mist muss man suchen. Die Nachfrage nach Alternativen steigt zwar, aber der Großteil der Leute ist viel zu gestreßt sich damit auseinander zu setzen. Zu perfekt wird uns zu häufig das immergleiche Bild vorgehalten. "So ist es halt!" - geben die meisten ihren Widerstand auf bevor er begonnen hat.

Dabei kennen wir alle das gute Gefühl, wenn unsere Kleidung so richtig gut zu uns passt. In einer Welt voller Erfolgszwang und enormer Erwartungen an unsere Kinder, sollten wir nicht zumindest dafür sorgen, dass sie sich IN IHRER HAUT WOHLFÜHLEN?!

Denkt mal drüber nach!


Ich empfehle auch dazu den Beitrag von Birgit letzter Woche. Ihre Tochter ist für ihr Alter sehr groß und die Probleme, die damit einhergehen zwingen Birgit an die Nähmaschine. Im Geschäft findet sie nichts. Birgit ist in meinem Bekanntenkreis bei weitem nicht die einzige mit einem derartigen Problem!

Fotoquelle: unsplash

14 Kommentare

  1. Eigentlich ein trauriges Thema. Und wenn es etwas geben würde, würde es locker doppelt so viel kosten - obwohl es in der selben Fabrik unter den selben unmenschlichen Bedingungen produziert werden würde...

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    1. Das ist ja das Unfassbare. Ich habe ja noch gar nicht mal geschrieben WIE das Zeug produziert wird. Es ist zum Grünanlaufen!

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    2. Ja, es kostet mehr... obwohl... nein... es kostet normal und ist die weitaus bessere Qualität als die gängingen Ketten... also durchaus okay... aber für Teenis ist da so gut wie nix dabei.

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  2. Liebe Susanne,
    ich habe selber zwar kein Kind, aber einige im Bekannten- und Freundeskreis. Viele junge Eltern haben die gleichen Erfahrungen gemacht wie du. Keiner konnte sie so gut und treffend nieder schreiben...
    Ich selbst habe zwei Jahren mit ganz besonderen Kids gearbeitet, da gab es noch größere Probleme, was die Kleidung anging... Auch hier habe ich viel für die Kids im Auftrag der Mütter genäht, damit es nicht zwickt und zwackt, oder rosa-glitzer Einheitsbrei ist.
    Liebe Grüße,
    Svenja

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  3. Ja, es ist irrsinnig traurig, wie Kindern alle Möglichkeiten genommen werden, ihre eigene Person zu entwickeln, indem sie schon ganz früh dank Kleidung & passendem Spielzeug in ein ganz und gar unzeitgemäßes Geschlechterkonzept gesteckt werden. Was sehne ich mich nach den Einheitslatzhosen der 1970er Jahre zurück ( obwohl ich- ästhetisch gesehen - weder die Farben noch die Schnitte mag ), denn da war eine Kind vorrangig erst einmal ein Kind.
    Ja, und die Mädchen werden wirklich schon so früh sexualisiert, dass es einem weh tut.
    Hier gibt es ja so eine Partei, die hat auf die Fahnen geschrieben "weg mit der Genscherisierung" (so ein Vertreter im Radio ). Aber diese schrecklichen Auswirkungen meinen die nicht, im Gegenteil. Die Bekleidungsbranche ist es, die alles tut, um den Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung nieder zu machen. Mode ist eine politische Sache geworden, in vielerlei Hinsicht.
    Ich könnte mich in Rage schreiben...Gut, dass du das hier tust!
    Bussi
    Astrid

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    1. Als ich den Text geschrieben habe, wurde mir - wieder mal - klar wie furchtbar das ist! Man hat ja schließlich einen Verantwortung dem Nachwuchs gegenüber!

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    2. Ja... es ist so traurig... viel trauriger ist aber, dass so wenige Mütter sich dieser Verantwortung bewusst sind, bzw. ihre Aufgabe auch wahrnehmen. ... Seit ich das Video gesehen habe, das ich letzte Woche ja geteiilt habe, ist mir das noch mehr klar als vorher.

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  4. Nicht nur für die Kleinen - nein auch die Teens sind von dem Wahn betroffen. Mit einer normalen! Figur paßt man kaum in Jeans, Röcke kurz / nein kürzer, Tops Bauch- und Nierenfrei.
    Was bin ich froh, daß MEINE Tochter (fast 16) Ihren eigenen Stil gefunden hat, NIX im Laden findet (weder vom Geschmack noch von der angebotenen Qualität), sondern fast alle Oberteile, Schlafis ... von Mama nähen läßt. Sie sucht SM und passende Stoffe dazu aus und Mama näht.
    Und wenn man noch die genähte Qualität anschaut von H&.... und wie sie alle heißen, dann rollen sich einem die Fußnägel hoch.
    Und auch da haben alle das gleiche an. Furchtbar.
    LG Bärbel

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  5. Ich arbeite im Kindergarten. - Wenn da nach dem Turnen oder Garten ein Kleidungsstück übrig bleibt, fällt es schwer den Besitzer zu finden. Spürbar tragen alle Kinder die geschlechtsentsprechende aktuelle Kollektion vom Schweden. Und bei 12 rosa Westen kann ich leider genauso wenig den Besitzer heraus finden wie bei 12 dunkelblauen Minion-Pullis (oder ähnliches einsetzen)
    Schade finde ich dann, dass die Eltern, die es sich leisten würden, mehr für die Kleidung ihres Kindes auszugeben, meist eher zu den teuren Marken greifen und nicht zu den alternativen Marken und den lokalen Produkten.
    Dabei hat der Weltladen zB bei uns eine relativ große Kinderkollektion, die zwar nicht mit dem Schweden mithalten kann, aber mit ein paar Basics aufgepeppt, durchaus ausreichend wäre.
    Aber gut, ich red dann mit, wenn ich selbst Kinder habe, die mit löchrigen Hosen und aus allem rausgewachsen wieder heimkommen.
    LG Carmen

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  6. Das erste, was wir getan haben, als wir für unser erstes Kind einkaufen mussten nach der Babyzeit: die Geschlechteraufteilung im Laden ignorieren. Denn das heute super schlanke Kind hatte damals ein Bäuchleind, das in keine Skinnyjeans für 3jägrige passte.
    Und bis heute ignorieren wir - so wir noch einkaufen - die Geschlechterabteilung. Denn tatsächlich sind der Jüngsten liebste Farben alle Blautöne. Und Monster. Dinos,Ninjago, Pokemon und alles, was die "Jungsabteilung" hergibt.

    Fast könnte ich der Modeindustrie dankbar sein, denn da es fast nix gibt, was ich für mich oder meine Kinder kaufen kann, wir sind dank Überlänge auch völlig uninterssant für die Industrie, musste ich nähen lernen.
    Inzwischen sind wir übrigens aufgestiegen in die Teeny-Liga und heranwachsende Kinder sind genau so wenig im Programm, wie unterschiedliche Proportionen bei Erwachsenen. Alles Einheitsbrei. Das sie alle aber sehr lang und sehr dünn sind, interessiert niemanden. Dass sie mit 12 und 14 lieber in der Kinder/Jugendecke einkaufen wollen würden, dank ihrer Größe aber bei den Erwachsenen gucken müssen - ohne den Körper (oder das Alter!) dafür zu haben: nicht von Interesse.

    Wir wursteln uns so durch. Irgendwie geht das. Und immer mit Fokus auf das, was unsere Kinder mögen. Blau und Monster für die Sechsjährige, bitte uni und gemütlich für den Zwölfjährigen und bitte schwarz-alternativ für die Vierzehnjährige.

    Grüße
    Janine

    PS Den Beitrag von Brigit gehe ich gleich mal lesen.

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  7. Mal wieder so ein toller Beitrag.
    Du triffst den Nagel auf den Kopf. Mein Sohn ist sehr groß, und dass war der Grund warum ich zu nähen begonnen hat. Enge Röhrenjeans in 92 beim Krabbeln lernen... unmöglich. Und mit 5 Jahren trägt er nun 134. Ich habe mich neulich umgeschaut und Aufdrucke mit Totenkopf, Hanfblatt oder "Yeah bitch" entdeckt. Ich bin so froh, dass ich nähen kann. Auch die Farben für Jungs sind oftmals trist und dunkel. Schrecklich. Und alles muss cool sein... Auch ganz furchtbar.

    Danke für das Augen öffnen und wach rütteln.
    Liebe Grüße von Franzi

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  8. Toller Artikel! Ich Nähe auch viel für meine Kinder, sie suchen sich den Stoff selber aus und was sie daraus haben wollen. So tragen sie es gerne und sind stolz drauf 'mitgeholfen' zu haben. Und ich muss mich nicht durch ein Kaufhaus plagen auf der Suche nach etwas was es gar nicht gibt (gerade vor 2 Wochen suchte ich erfolglos einen Wintermantel für meine Maus ohne Pelzkragen - noch way.... Entweder viel zu kurze Bomberjacke in Glitzerplastik oder Mit Pelzkragen....Also selbst genäht....wofür kann mans den😉)
    Ich kaufe für mich schon lange nichts mehr ausser Schuhe und Socken, denn auch wenn ich laut DOB in eine 42 passe kann ich bei H&M maximal bei BIG einkaufen gehen und das macht keinen Spaß sich in 3m schwarzen Stoff zu hüllen der von oben bis unten gerade geschnitten ist damit man ja seine Mitmenschen mit seinem nicht ganz perfekten Körper nicht belästigt)
    Glg Alex

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  9. Danke für deine anderen Blickwinkel... habe ich doch manchmal das Gefühl Blind durch die Gegend zu laufen oder einfach schon so abgestumpft zu sein...
    Lg, Anke

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  10. Ach Susanne... es ist echt oarg... weil die Kinder müssen ja nicht einmal dick sein... normal lang ja schon, dass in kaum ein Gwand reinpasst.
    Und die berühmete japanische Katze hat mich mehr als einmal zur Weißglut getrieben.
    Danke für deine überaus erfrischende Schreibweise zu so einem ärgerlichen Thema.
    Bussi
    Birgit

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